Mittwoch, Mai 30, 2007

Jeanne d’Arc – Leben und sterben für Gott und Frankreich (I)

da: Jeanne d'Arc; de: Johanna von Orléans, Jungfrau von Orléans, Heilige Johanna, Johanna von Arc (ca. 1900); en: Joan of Arc, The Maid, Maid of Orléans, Saint Joan; eo: Johana de Arko; es: Juana de Arco; fr: Jeanne d'Arc, Jeannette d'Arc, Jehanne la Pucelle, fille de Dieu; it: Giovanna d'Arco; nl: Jeanne d'Arc; us: Jeannetteon Darc (ca. 1900)

Vor 576 Jahren bestieg Jeanne d’Arc am Mittwochmorgen des 30. Mai 1431 gegen 9 Uhr den Scheiterhaufen und verbrannte auf dem Marktplatz in Rouen (Frankreich) bei lebendigem Leib, da der Scharfrichter Rouens, Geoffrey Therage, auf Grund der ungewöhnlichen Höhe und Beschaffenheit des Scheiterhaufens, den damals üblichen Gnadenstoß an der Delinquentin nicht vornehmen konnte.

Viel blieb von der Jungfrau aus Lothringen an diesem Mittwoch des Jahres 1431 nicht übrig. Lediglich ihr Herz und einige Knochen widerstanden der Hinrichtung und wurden auf Befehl erneut dem Feuer ausgesetzt, anschließend ihre Asche in die Seine gestreut. Jeannes restliche Habseligkeiten wurden gesammelt und fielen hunderte Jahre später während der französischen Revolution dem Feuer, Vandalismus oder Diebstahl zum Opfer.

Andere Gegenstände der Jungfrau, ihre zwei Ringe, wenige Teile der Ausrüstung und ein schwarzes Haar in einem Siegel, dass vermutlich letzte Überbleibsel ihrer physischen Existenz, gingen in den letzten Jahrhunderten verloren und verschwanden für immer im Nebel der Geschichte.

Es gibt kein verbürgtes Abbild ihrer Person. Vielleicht könnte das Bild neben dem Wappen der Armoises, eine Holzstatue oder eine Wandmalerei in einer kleinen Kapelle uns einen Eindruck ihres Äußeren vermitteln. Tatsächlich sind dies nur Vermutungen bzw. Überlegungen ohne Beweis.

So bleiben nur mündliche Überlieferungen, einige Schriftstücke und die Dokumente des Prozesses zu Rouen, um sich ein Bild von dem Menschen Jeanne d’Arc zu machen.



TEIL I: VON DOMRÉMY BIS VAUCOULEURS (1412 - 1429)
In gebotener Weblog Kürze.

JANUAR 1412

6. Januar 1412 (Epiphanias – Erscheinung des Herrn)

Jeanne d’Arc wird als Tochter von Jaques d'Arc (Doyen von Domrémy) und Isabelle Romée in Domrémy (Lothringen) geboren (das Datum wird eher vermutet, da amtliche Urkunden nicht existieren). Jeanne besitzt vier weitere Geschwister: Cathérine Romèe, Pierre d'Arc, Jean d'Arc und Jaquemin (Jaqcues) d'Arc. Ihr Geburtshaus ist noch heute in Domrémy-la-Pucelle zu besichtigen.
In der Antithese wird Jeanne als illegitime Tochter von Herzog Ludwig von Orléans und Isabell von Bayern genannt und ihr Geburtstag häufig mit 7. bzw. 10. November 1407 datiert



Sommer 1425

Jeanne hat ihre erste Vision im Garten ihres Elternhauses. Ihre Aussage dazu im Prozess von Rouen: »Als ich dreizehn alt war, hatte ich eine Stimme, die von Gott kam, um mich zu leiten. Das erste mal hatte ich eine große Furcht. Die Stimme kam zur Mittagsstunde; es war im Sommer, im Garten meines Vaters. Ich hatte den Tag zuvor gefastet. Ich habe die Stimme gehört mir zur Rechten, von der Seite der Kirche her.« Im weiteren Verlauf ihrer Visionen erscheinen ihr regelmäßig der Erzengel Michael, die Heilige Margarete und die Heilige Katharina von Alexandrien. Diese teilen Jeanne regelmäßig mit, sie müsse eine gute Christin sein, ihr Elternhaus verlassen und Frankreich von den Engländern befreien, den Dauphin Charles VII. in Reims zum König krönen und den von Engländer seit der Schlacht von Agincourt (25. Oktober 1415) gefangen gehaltenen Charles de Orléans frei bekommen.

1428: Domrémy wird hart umkämpft. Jeanne muss für etwa zwei Wochen ins nah gelegene Dorf Neufchâteau flüchten (etwa neun Kilometer von Domrémy entfernt). Zu welchem Zeitpunkt des Jahres 1428 diese Flucht stattfand ist unklar und sehr umstritten. Jeannes Aussage im Prozess: „Ich verließ meines Vaters Haus und ging zur Stadt Neufchâteau in Lothringen in das Haus einer Frau die la Rousse genannt wird. Ich verblieb etwa 15 Tage dort.“ In Neufchâteau wohnt Jeanne bei der erwähnten Witwe des Jean Waldaires, eine rothaarige Frau namens la Rousse.
Im Prozess von Rouen wird diese von der Kirche als eher zwielichtig angesehene Frau eine wichtige Rolle spielen. So wird Madame la Rousse als eine Gastwirtin (rothaarig) bezeichnet, die hauptsächlich Soldaten beherbergt.

Durch Artikel VIII. der ersten siebzig Anklagepunkte in Jeannes Prozess, wird erstmals spekuliert, dass Jeanne während ihres Aufenthaltes in Neufchâteau bereits reiten gelernt habe. Madame la Rousse soll die Pferde ihrer Gäste durch Jeanne behütet haben lassen, da Jeanne ihre Unterkunft in diesen zwei Wochen mit diversen Arbeiten ‚bezahlte’.



MAI 1428

Jeanne ist beim Vetter ihrer Mutter Durand Laxart in Burey-Le-Petit zu Besuch (ca. 13 km von Domrémy und ca. 7 km von Vaucouleurs entfernt). Jeanne und Durand scheinen ein besonderes Verhältnis miteinander zu haben, denn sie betitelt ihn gelegentlich als ihren »Onkel«. Vermutlich weiht sie ihn in Ihre »Aufgabe« ein. Die beiden scheinen sich auch des Öfteren darüber zu unterhalten. Dazu Durand Laxart im Rehabilitationsprozess von 1450 in Paris: »Sie habe ihn gefragt, ob er nicht von der Prophezeiung* gehört habe, wie Frankreich durch eine Frau würde in den Abgrund des Elends gestürzt und durch eine Jungfrau wieder gerettet werden. ‘

*Die Prophezeiung beinhaltet zwei wesentliche Elemente: Der erste Teil bezieht sich auf Isabeau von Bayern, die 1420 in dem Vertrag von Troyes erreichte, das ihr eigener Sohn und Thronfolger als illegitim erklärt und darüber hinaus enterbt wurde. Daraus resultierend wurde 1422 nach dem Tode des französischen Königs Charles VI. und des englischen Königs Henry V., von den Engländern Henry VI. zum König von England und Frankreich ausgerufen. Der Dauphingetreue Adel erhob dagegen Charles VII. zum französischen König. Der zweite Teil ist die Rettung Frankreichs durch eine Jungfrau. Gern wird die Verkündung der Prophezeiung Merlin zugesprochen, was aber defakto einen Irrglauben darstellt.

Jeannes erster und vergeblicher Versuch von Robert de Baudricourt, dem Stadthauptmann von Vaucouleurs, eine Eskorte zu erhalten.



13. Mai 1428

Jeanne nutzt die Nähe von Burey-Le-Petit zu Vaucouleurs und besucht das erste Mal den Stadthauptmann Robert de Baudricourt, der sie und Durand Laxart allerdings mit den Worten »Man solle sie mit ein paar Ohrfeigen zurück zu ihrem Vater schicken« abweist.

Leider ist uns nicht überliefert, was Jeannes Eltern zu ihrem Engagement bekundeten.

Es gibt Werke, darin wird vermutet, das Jeanne insgesamt drei Mal in Vaucouleurs war und von Baudricourt ebenso oft »abgelehnt« wurde. Vermutlich ist aber von zwei Besuchen auszugehen.

Interessantes Detail am Rande: Später fand man heraus, das Jeannes Vater Jaques d'Arc und Robert de Baudricourt miteinander verwandt waren. Man kann aber ausschließen, das Jeanne von dieser Verbindung wissen konnte. Was für sie allerdings recht hilfreich war – um nicht zu sagen ein sehr glückliches Gefüge – das sie die Tochter eines »ehrenwerten« Bürgers aus Domrémy war und zufällig auch einen »ehrenwerten« Bürger in dem nahe liegenden Dorf Greux als Taufpaten hatte (Jean Morel). Der übrigens auch wieder über »sieben Ecken« mit Robert de Baudricourt verwandt war, was man ebenfalls später erst feststellte. Dadurch besaß sie einen exzellenten Leumund. Tja, die Welt ist und bleibt ein Dorf.




VON VAUCOULEURS BIS CHINON

Hier beginnt die zweite wichtige Phase in Jeannes Leben. Vaucouleurs: Das Sprungbrett in ihre von Gott und den Stimmen befohlene Welt. Jeanne startet im Januar bzw. Februar 1429 einen neuen Versuch, beim Stadthauptmann Baudricourt Gehör zu finden. In Vaucouleurs findet auch die Wandlung der kleinen Jeannette aus Domrémy zur bekannten Jehanne la Pucelle statt.

Zur Erinnerung aus den Prozessakten: »Sie sagte mir, es sei notwendig, dass ich nach Frankreich ginge. Zwei- oder dreimal in der Woche hat sie mir gesagt, ich müsse aufbrechen und nach Frankreich gehen, doch, so, dass mein Vater nichts von meinem Aufbruch merke. Die Stimme sagte mir, dass ich nicht länger bleiben könne, wo ich war, und dass ich die Belagerung von Orléans aufheben müsse. Sie befahl mir außerdem, zu Robert de Baudricourt in die Festung Vaucouleurs zu gehen, deren Stadtkommandant er war. Er würde mir Leute geben, die mit mir gingen. Ich antwortete, dass ich ein armes Mädchen sei, das nicht zu reiten und Krieg zu führen verstünde.«



JANUAR 1429

6. Januar 1429
Jeanne begeht ihren 17. Geburtstag in Domrémy.

Vielleicht hat es sich ungefähr so zugetragen wie Mark Twain es in seinem Roman beschreibt, als Jeanne Domrémy und ihrer Kinder- und Jugendzeit für immer den Rücken kehrte: »And Joan took one long look back upon the distant village, and the Fairy Tree, and the oak forest, and the flowery plain, and the river, as if she was trying to print these scenes on her memory so that they would abide there always and not fade, for she knew she would not see them any more in this life; then she turned, and went from us, sobbing bitterly. It was her birthday and mine. She was seventeen years old.«

Jeanne verlässt Anfang Januar ihr Elternhaus und besucht wieder ihren »Onkel« Durand Laxart. »Adieu, ich gehe nach Vaucouleurs«, soll sie dabei dem damalig 14 jährigen Gérard Geuillemette zugerufen haben.* Auch ihre Freunde aus der Kinderzeit Mengette Joyart und Jean Waterin konnten sich später angeblich an etwas Ähnliches erinnern.

Eidesstattliche Aussage von Gérard Geuillemette:
[ ... vidit ipsam Juhannam transire ante domum patris sui cum quodam avunculo suo, nuncupato Durando Laxart, et tunc ipsa Johanneta dixit suo patri: »Ad Deum, ego vado ad Vallis-Calorem.«]

Eidesstattliche Aussage von Mengette Joyart:
[ ... recendo ipsa dixit eidem testi »Ad Deum!« et tunc recessit, et eam testem commandavit Deo, et ivit at Vallis-Colorem.]

Eidesstattliche Aussage von Jack Waterin:
[ ... quod vidit eam recedera a villa de Greu, et dicebat gentibus: »Ad Deum!«]

Hauviette de Sionne, die »innigste« aller ihrer Beziehungen, wusste dagegen nichts dergleichen. Sie habe nur »bitterlich geweint, als sie von Jeannes Abreise erfuhr.«

Eidesstattliche Aussage von Hauviette de Sionne:
[ ... hoc multum flevet, quia eam multum propter suam bonitatem diligebat, et quod sua socia erat.«]

*Einige Autoren übersetzen die Aussage von Geuillemette sehr individuell. Nur zwei Beispiele:

1. »When Jeanne left her father's house, I saw her pass before my father's house, with her uncle Durand Laxart. "Adieu," she said to my father, "I am going to Vaucouleurs."«

2. »"...I saw Jeanne passing before her father's house with a certain uncle of hers, named Durand Laxart, and at that time Jhenette said to her father: 'Adieu! I am going to Vaucouleurs.'"«

Diesmal besucht Jeanne ihren »Onkel« um seine Gemahlin Jeanne im Wochenbett zu pflegen. Die Geschichte zeigt, dass Jeanne diesen Zustand von Laxarts Gemahlin nutzte, um wieder offiziell in die Nähe von Vaucouleurs zu gelangen. Herbert Nette drückt es ungefähr so aus: »... zuweilen war sie ein besonders pfiffiges Mädchen«. Sie verbringt insgesamt sechs Wochen bei Familie Laxart – sagt Durand Laxart. Allerdings ist nicht ganz deutlich, wie er das genau meint. Eigentlich kann es nur bedeuten, das er »sechs Wochen« im Ganzen meint, da Jeanne nachweislich lediglich drei Wochen in Burey-Le-Petit, und bis zu ihrer Abreise am 23. Februar 1429 ca. drei Wochen in Vaucouleurs bei Catherine und Henri le Royer Unterkunft fand.

Der Glaubwürdigkeit des Zeitzeugen Durand Laxart sind allerdings Grenzen gesetzt. Nicht, das er in gemeiner Absicht Tatsachen »verdrehte«, vielmehr scheint er zuweilen etwas »verwirrt«. Von daher ist man stets gut beraten, seine Aussagen mit einer gewissen Skepsis zu betrachten.



FEBRUAR 1429

Anfang Februar 1429

Zweiter Besuch beim Stadthauptmann Robert de Baudricourt in Vaucouleurs. Dort trifft sie zum ersten Mal auf Jean de Metz, der in ihrem zukünftigen Leben noch eine große Rolle spielen wird. So berichtet er später im Rehabilitationsprozess von 1450 in Paris: »Ich sah sie ankommen, ärmlich gewandet, in einem roten Kleid. Ich fragte sie, „was macht ihr hier?” und die Jungfrau antwortete: Ich bin in diese königliche Stadt gekommen, um Robert de Baudricourt zu sprechen, damit er mich zum König geleite oder mich geleiten lasse, aber er beachtet weder mich noch meine Worte. Dennoch muss ich noch vor Mittfasten beim König sein, selbst wenn ich auf den Knien zu ihm gelangen müsste. Kein Mensch auf der Welt, weder ein König noch ein Herzog noch ein Kind des Königs von Schottland oder sonst einer kann das Königreich Frankreich wiedererlangen. Niemand wird ihm helfen als ich. Wahrlich, ich würde lieber neben meiner armen Mutter spinnen, denn hier ist nicht mein Platz, aber ich muss gehen, ich muss es tun, mein Herr will, dass ich so handle. Ich fragte sie, wer ihr Herr sei und sie sagte: Gott.«

Interessant ist, das Jeanne sagt: »... aber er beachtet weder mich noch meine Worte.« Worauf bezieht sich dies? Auf ihren ersten Besuch im Mai 1428 oder auf einen unerfreulichen zweiten, den sie vielleicht gerade hinter sich gebracht hatte, bevor de Metz sie antraf? Nach diesem ersten Treffen versprach er ihr »in die Hand«, das er sich für sie und ihren Wunsch beim Stadthauptmann einsetzen würde.

An dieser Stelle muss kräftigst improvisiert werden, da es kaum Dokumente bzw. konkrete Zeugenaussagen zum Ablauf in dieser Zeit gibt. Des wegen, erwähne ich die folgenden Geschehnisse in der logischen Abfolge und in trauter Gemeinsamkeit mit anderen Autoren.

Jeanne wohnt insgesamt drei Wochen bei Catherine le Royer, die Frau des »Wagenmachers« Henri le Royer. Die beiden Damen scheinen sich zu mögen, da sie und Catherine häufiger zusammen das »Rad spinnen« – sagt Catherine – und darüber hinaus manches Pläuschen über Gott und Frankreich halten.

Im Übrigen wird Madame le Royer, welche nur wenig älter als Jeanne war, schon dafür gesorgt haben, das jeder Bürger von Vaucouleurs wusste, welcher besondere Gast in ihrem Hause abgestiegen ist.

Anfang Februar muss de Baudricourt einen Boten mit einem Brief für Charles VII. bzw. dessen Minister nach Chinon gesendet haben. Denn der Bote des Königs, Colet de Vienne, traf mit Richard »The Archer« schon Mitte Februar mit einer Antwort wieder in Vaucouleurs ein. Etwa zeitgleich sind Bertrand de Poulengy und Jean de Metz nach Domrémy (wahrscheinlich auch Greux) gereist um Erkundigungen über Jeanne einzuholen. Und spätestens jetzt, zahlt sich ihr exzellenter Leumund aus.

Jeanne sucht in dieser Zeit wohl sehr häufig die Kirche auf, hört Messen und beichtet regelmäßig. Augenzeugen sahen sie auch des Öfteren auf ihren Knien vor der »Himmelskönigin im stillen Gebet mit Gott vereint«.



12. Februar 1429 Vaucouleurs
Jeanne kehrt vom Besuch des Herzogs Charles II. in Nancy zurück.

Herzog Charles II. von Lothringen, war zwar politisch auf der »falschen« Seite (wenn auch recht inaktiv), trotzdem besuchte Jeanne ihn.

Aus den Prozessakten:
»Der Herzog hat verlangt, man solle mich zu ihm führen. Ich bin zu ihm gegangen und habe ihm gesagt, dass ich nach Frankreich gehen wolle. Der Herzog hat mich befragt, ob er genesen würde. Ich habe erwidert, ich wisse es nicht. Über meine Reise habe ich wenig zu ihm gesprochen, ihn jedoch gebeten, mir seinen Sohn und Leute mitzugeben, um mich nach Frankreich zu geleiten. Ich wollte Gott um seine Gesundheit bitten.«

Charles II. war schwer an der Gicht erkrankt. Die hielt ihn aber nicht davon ab, seine Angetraute und fromme Margaret von Bayern mit der wohl liebreizenden Alison Dumay aus Nancy, Tochter einer Blumenverkäuferin, öffentlich und schamlos zu betrügen. Ja, Jeanne hat Charles II. in diesem Punkt sicher schwere Vorwürfe gemacht. Ob sie etwas nutzten ist leider nicht überliefert worden.

Der Herzog war von Jeanne jedenfalls außerordentlich angetan – Er gab ihr Geld und Pferd: Vier Francs für ihre Reise bis Vaucouleurs (Auslagen von Durand Laxart) und einen schwarzen Rappen für ihre Rückkehr nach Vaucouleurs

Der Leser überlege sich an dieser Stelle die politische Bedeutung dieser »Geschenke«. Man fragt sich, warum? Warum hat der Herzog ein so großes Interesse an ihr und warum gibt Jeanne seinem Wunsch nach und besucht den »Feind«, während sie zeitgleich auf das ersehnte Zeichen von Baudricourt wartet? Was erhofft sie sich durch diesen Besuch? Eigentlich nichts, da er zur Englisch-Burgundischen Seite gehört und sie davon ausgehen kann, dass er später alles Gesagte und nicht gesagte an anderer Stelle berichten wird. Somit stellt dieser Besuch in Nancy eigentlich eher eine Bedrohung des gesamten Unternehmens dar – nicht nur die Reise nach Chinon. Und der kund getane Wunsch, dass er ihr »... seinen Sohn und Leute mitgeben« möchte, könnte man schon fast als »Herausforderung« ansehen.

Vorstellbar wäre es, wenn de Baudricourt Jeanne »empfohlen« hätte dem Wunsch von Herzog Charles II. nachzukommen und ihn aufzusuchen. Eventuell auch als Bedingung für eine Eskorte. Gründe gäbe es viele und dies entspreche auch sicherlich seinem »Regierungsstil«. Allein die geographische Lage von Vaucouleurs erforderten damals sicher einige strategische »Kunstgriffe« seitens de Baudricourt. Vaucouleurs, als einzige Dauphin getreue Enklave weithin, lag ca. 290 km tief im »Feindesland« und war umringt von aktiven feindlichen Streitkräften, die eine ständige und nicht unerhebliche Bedrohung darstellten. Ergo, schon als reine Prävention vor einem allzu schnellen Überfall und für ein gesichertes Überleben von Vaucouleurs, seiner Bewohner und nicht zuletzt auch des Gouverneurs in der Zeit »danach«, war es zwingend erforderlich, das er sehr gute Beziehungen zum »Feind« pflegte. »Vielleicht« waren die »Geschenke« des Herzogs an Jeanne indirekt auch eine Art dezentes, unter Diplomaten gebräuchliches, »Kopfnicken« in Richtung Baudricourt. Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung und Beweise gibt es dafür schon gar nicht.

Das zwangsweise ‚übergelaufene’ arme schwarze Pferdchen hatte indes noch einen viel weiteren Weg vor sich, als nur bis nach Vaucouleurs, nämlich bis nach Chinon. Und so »prächtig« wie ihn die Autoren Guérin und Palmer-White gern gesehen hätten, kann er jedenfalls nicht gewesen sein: Denn, Jeanne und ihre Begleiter erachteten das Tier insgeheim wohl als ungenügend und waren zudem mit der Leistung des feindlichen Vierbeiners ziemlich unzufrieden (»haquenée«). Also, wurde er bei nächster Gelegenheit alsbald »überlassen« – dem Bischof von Senlis – aber vorerst galt: einem geschenkten Gaul ... und Jeanne nahm dankend an.



12. Februar 1429 Vaucouleurs (Nachmittag oder Abend)
Jeanne sagt die Niederlage in Orleans voraus

Der zwölfte Februar ist ein ereignisreicher Tag in Jeannes Leben. Kaum das sie aus Nancy zurückkehrte, weiß sie neues und unheilvolles zu berichten: Die Armee des Dauphins erlebte an diesem Tage in Orleans eine schwere und verlustreiche Niederlage und musste sich geschlagen geben und zurückziehen. Baudricourt war jetzt in einer sehr schwierigen Lage. Wenn Jeanne mit ihrer Behauptung Recht hätte, war sie wirklich eine von Gott gesandte oder er hätte es mit einem Vertreter der dunklen Mächte zu tun. Und, wer weiß, was dann noch alles passieren möge? Am Besten man überprüfe sie. Sicher ist sicher.

Catherine Le Royer, ihre Wirtin, berichtet später, das eines Tages de Baudricourt und der Priester Jean Fournier zu einer Teufelsbeschwörung bei ihr erschienen seien, in dessen Verlauf sie gehört habe, wie Jeanne auf Knien zum Priester kroch und ihm sagte »Es sei nicht recht, was er tue, denn er wisse doch aus der Beichte, das sie eine gute Katholikin sei.« Man darf wohl annehmen, dass während der Durchführung die Türen verschlossen waren. Gott sei gedankt war Catherine eine aufmerksame und wohl auch recht neugierige Person. Wer weiß was uns sonst entgangen wäre?



12. Februar 1429 Orleans (Abend)

// Die Schlacht der Heringe

Sir John Falstolf leitete eine Kolonne mit ca. 300 Wagen, die Nahrung für die Besatzer geladen hatten. Da in der Fastenzeit kein Fleisch erlaubt ist, bestand die Ladung hauptsächlich aus Heringen, die in Salz eingelagert waren. Fastolf beschützte diesen Treck mit ca. 600 englischen Soldaten und ca. 1.000 sympathisierenden Pariser Bürger.

Die angreifende französische Armee bestand im Wesentlichen aus zwei Teilen mit einer Gesamtstärke von ca. 5.500 Soldaten unter der Leitung des Grafen von Clermont und dem Bastard von Orleans.

Die Niederlage wurde dadurch besiegelt, das der Graf von Clermont in der entscheidenden Phase der Schlacht, von Panik erfüllt, mit seinen Truppen flüchtete. In dieser Schlacht wurden mehr als 600 Menschen getötet.

Die Schlacht bei Rouvray-Saint-Denis, ging auf Grund geladener Heringe, als »die Schlacht der Heringe« in die Geschichte ein.

Nach dieser schweren Niederlage erklärt nachweislich (!) der Dunois (Bastard) de Orleans vor den Bürgern Orleans: »... das die Jungfrau, deren Kommen prophezeit worden war, die wunderbare Jungfrau, die diese Stadt befreien werde, sich auf dem Weg befände.«

Woher wusste Bastard davon? Zumal in Vaucouleurs zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eine endgültige Entscheidung in der Sache getroffen wurde. Jetzt bieten sich drei Möglichkeiten an:

1. Die konspirative »Guérin und Palmer-White Lösung«
Alles ist Betrug und schon längst entschieden. Bastard hat sich lediglich in seiner Ungeduld unangenehmerweise verplaudert. Sollte das Unternehmen »Schäfermädchen« ursprünglich doch ganz anders starten.

2. Die »letzte Rettung Lösung«
Die Lage des Hauses Orleans war nicht glücklich zu nennen. Gehörten sie doch weltweit zu den reichsten Familien und sie waren drauf und dran »Haus und Hofe« zu verlieren. Die Bürger waren sehr unzufrieden und drohten jederzeit das Lager zu wechseln, wenn, ja wenn nicht langsam etwas Entscheidendes passiert.
Könnte man in dieser Situation, neben all dem »Gemetzel«, nicht auch mal eine Legende zur Hilfe nehmen, sich mit einer kleinen Notlüge behelfen und alle Beteiligten wieder so richtig motivieren und »auf Kurs bringen«? Wen interessiert später noch, ob sie kommt oder nicht, wenn alles gewonnen oder alles verloren ist? Und gottgesandte Jungfrauen gab es damals zuhauf. Und wer weiß, vielleicht kommt doch noch eine vorbei?

3. Die »ich habe gehört Lösung«
1429 war Nachrichtenaustausch ein schwieriges Unterfangen. Einen regelmäßigen »Postdienst« gab es noch nicht und wurde erst viel später, aber immerhin durch des Dauphins Sohn Ludwig, eingeführt. Also, königliche Boten zogen durchs Land und übermittelten ebenso königliche Neuigkeiten und »Tagesbefehle«. Sicherlich tauschten diese Boten auch untereinander nicht offizielle Nachrichten, »Tratsch und Klatsch« und Gerüchte aus. Warum nicht auch das Gerücht von einer halb offiziellen Jungfrau aus Vaucouleurs, die Frankreich errettet? Natürlich ist das von mir sehr weit her geholt, aber warum sollte es sich 1429 anders verhalten als heute? Denkbar wäre nun, dass der Bastard de Orleans, diese inoffizielle »Neuigkeit« über einen seiner Boten empfangen hätte. Allerdings auch hierfür, nicht die Spur eines Beweises und kein amtlicher Autor hat je diese »Idee« in Betracht gezogen.



13. Februar 1429
Jeanne bekommt die Erlaubnis zum Dauphin zu reisen.



23. Februar 1429 Vaucouleurs (Am späten Abend)

Die Kosten der Reise

Bevor die Reise »nach Frankreich« beginnen kann, bleibt noch die Frage offen, wer ihre Reise überhaupt finanziert hat. In Frage kommen folgende »Financiers«:

1. Durand Laxart
2. Robert de Baudricourt
3. Der Dauphin
4. Herzog Charles II. von Lothringen
5. Catherine und Henri le Royer
6. Die Bürger von Vaucouleurs
7. Jean de Metz und Betrand de Poulengy

1. Durand Laxart
Ihr »Onkel« scheidet aus. Er hat schon die Reise nach Vaucouleurs finanziert und wurde »scheinbar« mit den 4 Francs des Herzogs aus Lothringen dafür »entlohnt«. »Scheinbar« aus dem Grund, weil wir nicht wissen, ob er das Geld von Jeanne erhalten hat. Vorstellbar wäre auch, dass er ihr das Geld überlassen hat, damit sie sich in der Fremde »bewegen« kann. Dafür gibt es allerdings nicht einen Beleg und es wäre aus meiner Sicht immerhin denkbar, da er schon den »Ausflug« nach Vaucouleurs selbstlos ermöglicht hat, ohne annehmen zu können, dass er hierfür entsprechend entlohnt werden wird.

2. Robert de Baudricourt
Der Stadthauptmann hat, soweit ist es belegt, lediglich, oder sagen wir immerhin, sein Schwert Jeanne überlassen. Seine Unterstützung bestand darin, dass er insgesamt vier seiner Soldaten (Jean de Metz, Betrand de Poulengy und die beiden Untergebenen Julian de Honnecourt und Jean de Honnecourt inkl. der Pferde gestellt hat.

3. Der Dauphin
Der Dauphin gab dem königlichen Boten Colet de Vienne neben der Order Jeanne sicher nach Chinon zu geleiten, ausreichend »Barmittel« mit auf den Weg. Wenn man den Umfang der Eskorte betrachtet, könnte es durchaus im Rahmen des möglichen liegen. Allerdings gibt es auch hierfür nicht den Ansatz eines Beweises. Außerdem war der Dauphin zu dieser Zeit nahezu ständig »Pleite« und konnte nicht einmal die Rechnung für einfache Dinge wie bspw. »Ärmel flicken« bezahlen.

4. Herzog Charles II. von Lothringen
Wie zuvor schon erwähnt, unterstützte der Herzog Jeanne mit einem Pferd und vier Francs für Durand Laxart. Weiteres wäre für einen »Feind« des Guten nun wirklich zu viel gewesen und wurden auch nirgends erwähnt.

5. Catherine und Henri le Royer
Es ist ziemlich widersprüchlich wer den Aufenthalt von Jeanne im Hause le Royer finanziert hat. Die Frage ist auch, wer den Kontakt zum »Wagenmacher« le Royer hergestellt hat. War es in beiden Fällen Durand Laxart? Verschiedene Autoren behaupten, das das Ehepaar le Royer »Familienfreunde« des »Onkels« waren, bleiben uns den Beweis hierfür allerdings schuldig. Oder war es de Baudricourt, der Jeanne dort einquartieren ließ? Fakt ist, das die Unterbringung von Jeanne dort Kosten verursachte. Wurden sie mit »erbrachter« Leistung von Jeanne oder wenigstens teilweise davon abgegolten? Dann bleibt allerdings offen, wer für den Rest aufkam. Die Familie le Royer ließ sich den Aufenthalt jedenfalls bezahlen und somit werden sie wohl kaum die erheblich höheren »Reisekosten« übernommen haben. Immerhin vorstellbar wäre, das Catherine, eine gesprächige und auskunftsfreudige Person, Jeannes Bekanntheitsgrad in Vaucouleurs erheblich forciert hat, spätestens nach der umsonst bemühten »Teufelsaustreibung« mit Baudricourt und dem Priester Jean Fournier, was uns zur nächsten vermuteten Lösung bringt.

6. Die Bürger von Vaucouleurs
Verschiedene Autoren sind der Ansicht, dass Bürger für sie sammelten um ihr die Reise zu ermöglichen. Natürlich war Jeanne in der Stadt Vaucouleurs das Tagesgespräch. Somit ist anzunehmen, das mit Eintreffen des königlichen Boten Colet de Vienne, und der damit verbundenen Erlaubnis den Dauphin aufzusuchen, dies Jeanne zu einer gewissen Seriosität im damaligen allgemeinen dichten Jungfrauen-Nebel verhalf. Die »Spende« der Bürger aus Vaucouleurs taucht jedenfalls in diversen Publikationen auf und ist sicherlich nicht undenkbar, wenn auch bisher ohne Beweis.

7. Jean de Metz und Betrand de Poulengy
So sagte Jean de Metz vor Gericht im Rehabilitationsprozess aus: »Die Kosten der Reise übernahmen Betrand de Poulengy und ich selbst.« Ein weiterer Beweis dafür: Am 21. April 1429 erhielt de Metz von Guillaume Charrier eine entsprechende Vergütung: »100 livres für Spesen und entstandene Kosten des Jungfrauen-Gefolges in der Stadt Chinon«. Im selben Monat erhält er weitere 200 livres von Charrier für »die Kosten der Jungfrau« und 125 livres für die Beschaffung einer eigenen »wehrhaften« Ausrüstung.

Ich gehe davon aus, dass Jean de Metz und Betrand de Poulengy bzw. letztlich tatsächlich der Dauphin die Kosten für die Reise übernahmen. Jeannes Männer-Kleidung stammt angeblich ebenfalls von Jean de Metz. Wobei die Frage offen bleiben muss, wie ihr diese »gepasst« haben. Woher bzw. von wem die Männerkleidung letzten Endes stammt, ist eines der umstrittensten Punkte. Es gibt im Wesentlichen zwei Fassungen: A) Die Kleidung stammt von Einwohnern aus Vaucouleurs, die für Jeanne sammelten. B) Die Kleidung stammt von Jean de Metz und Betrand de Poulengy, die sie so kleideten um unauffälliger durch feindliches Gebiet zu gelangen. Jedenfalls ist das Tragen der Männerkleidung einer der Hauptanklagepunkte in Jeannes Prozess.

So, nachdem gesichert ist, wer diese Reise finanziert, könnte es eigentlich losgehen.


Die Größe der Eskorte

Aus den Prozessakten:
»Robert de Baudricourt hatte meine Begleiter schwören lassen, mich gut und sicher zu geleiten. Zu mir sagte er, als ich Abschied von ihm nahm: „Geh! Geh, und es geschehe, was geschehen soll!« Va! Va, et advienne que pourra!

Jeanne mit schwarzem Cape, dunkelgrauem »Waffenrock« (robe courte de gros gris noir), hohen Stiefeln und schwarzer Mütze konnte es vermutlich kaum abwarten in Richtung Chinon zu reiten. Das rote Kleid hat sie, so wird berichtet, gut verstaut. Denn, sie wird es später Jean Morel ihrem Taufpaten bei einem Treffen in Chalon mitgeben. Bevor die Reise nun aber beginnt, nimmt Baudricourt allen männlichen Begleitern noch schnell einen Eid ab: »Das sie die Jungfrau sicher und wohlbehalten zum König führen.« Grund zur Sorge sah wohl nicht nur Baudricourt sondern auch Guido Görres wenn er schreibt: »... auch war von dem edlen Sinne der beiden Edelleute nichts zu fürchten, anders war es aber mit den Übrigen. Denn sie haben später bezeugt: Sie hätten sie anfänglich für eine Wahnsinnige oder eine Hexe gehalten, und um der vielen Gefahren willen, denen dieselbe sie aussetzen würde, beschlossen, sie in einem festen Gewahrsam zu werfen. Dazu hätte auch ihre Schönheit böse Absichten in ihnen erweckt.«

Nicht unumstritten ist, wer Jeanne als Eskorte begleitete. Was ich persönlich nicht nachvollziehen kann, da Jean de Metz selbst diese Aufstellung vor dem Rehabilitationsprozess angab und definitiv den königlichen Boten und den Bogenschützen aus Chinon erwähnte. Also, entscheide ich mich natürlich für die glaubhafte Zeitzeugenversion, die folgende Positionen und Personen bezeichnet:

Pos. 1: Colet de Vienne, königlicher Bote
Pos. 2: Richard »The Archer«
Pos. 3: Bertrand de Poulengy (linke Flanke)
Pos. 4: Jeanne La Pucelle
Pos. 5: Jean de Metz (rechte Flanke)
Pos. 6: Julian de Honnecourt
Pos. 7: Jean de Honnecourt

Entscheidend ist die Frage, wie wichtig die Person Jeanne la Pucelle erachtet wurde. War sie so wichtig, dass ein Durchkommen absolut erforderlich ist? Dann muss man auch im entsprechenden Umfang dafür Sorge tragen. Oder sollte der Dauphin einfach nur ein »Blick« auf sie werfen? Dann könnte man den Verlust einer »Jungfrau« durchaus in Kauf nehmen.

Interessant ist, warum einige Autoren den königlichen Boten in Frage stellen, bzw. »rumrätseln« wie de Baudricourt sich wohl rückversichert haben möge. Da werden Vermutungen angestellt, ob er »eventuell« und »vielleicht« Rücksprache mit einer königlichen Agentur gehalten hat oder ob er eine Entsendung gar von der Reaktion aus Nancy – quasi vom »Feind« – abhängig gemacht hätte. Dabei scheint die Lösung doch recht offensichtlich: So sagt Jean de Metz im Rehabilitationsprozess von 1450 in Paris aus: »Ich und Bertrand de Poulengy mit zwei meiner Männer, der königliche Bote Colet de Vienne und Richard der [schottische] Bogenschütze begleiteten die Jungfrau zum König, der sich zu der Zeit in Chinon aufhielt.«

In der damaligen Zeit stellte eine Jungfrau, die von sich behauptete »auserwählt« zu sein, nichts Besonderes dar. Es gab viele vor Jeanne, während ihrer Zeit und auch nach dem man sie in Rouen verbrannte, fühlten sich viele Mädchen und Frauen dazu berufen. Also, warum machte man bei Jeanne eine so deutliche Ausnahme?

Um eine Person relativ sicher durch ein feindliches Gebiet zu leiten, hat man drei Möglichkeiten:

A) Durch massiven Einsatz von Personal und Material. Allerdings ist das Vorankommen sehr schwer einzuschätzen da die Aktion nicht unauffällig zu gestalten ist.

B) Eine Gruppe mit ca. 7 Personen, die auch in der Lage ist sich während eines gezielten Angriffs zu verteidigen. Hier steht Verteidigung und Vorankommen in einem akzeptablen Verhältnis.

C) Unauffällig in einer sehr kleinen Gruppe von bis zu drei Personen. Hier kann allerdings schon ein kleiner Angriff das Aus der ganzen Unternehmung bedeuten.

Das sahen die damaligen Entscheider wohl ähnlich und wählten die Lösung der mittleren Gruppenstärke. Über die Größe des Trupps, sind sich viele Autoren allerdings uneinig.

Zwei Varianten haben sich bei den Autoren bisher durchgesetzt:

A) Der 5+1 Trupp mit sechs Berittenen:
1. Jeanne La Pucelle
2. Pierre d'Arc
3. Jean de Metz
4. Bertrand de Poulengy
5. Richard »The Archer«*
6. Ein unbekannter Sergeant

B) Ein 6+1 Trupp mit acht Berittenen:
1. Colet de Vienne, königlicher Bote
2. Jeanne La Pucelle
3. Jean de Metz
4. Bertrand de Poulengy
5. Richard »The Archer«*
6: Julian de Honnecourt**
7: Jean de Honnecourt**

*Richard war ein schottischer Bogenschütze.
**Sie waren die Untergebenen von Jean de Metz und Bertrand de Poulengy.


Jetzt könnte man natürlich sagen, dass zwei Personen mehr oder weniger »den Kohl auch nicht mehr fett machen«. Jedoch, wenn Variante B damals erwählt wurde, dann war der engste Kreis um Charles VII., wenn nicht sogar der Dauphin selbst, eindeutig über Jeanne vorab informiert worden. Warum sollte Chinon sonst extra einen Boten senden der Jeanne begleitet?

Befürworter der Variante A sagen, es gab keinen königlichen Boten. Zumindest keinen, der in dieser Gruppe ritt.

Variante B: Der königliche Bote aus Chinon übernahm die Führung der Gruppe. Die militärische Leitung des Unternehmens lag hingegen bei Jean de Metz.

Die Vorhut:
Pos. 1: Colet de Vienne, königlicher Bote
Pos. 2: Richard »The Archer«

Wahrscheinlich zeitlich versetzt die Hauptgruppe:
Pos. 3: Bertrand de Poulengy (linke Flanke)
Pos. 4: Jeanne La Pucelle
Pos. 5: Jean de Metz (rechte Flanke)

Zum Schluss die wieder zeitlich etwas versetzte Nachhut:
6: Julian de Honnecourt
7: Jean de Honnecourt

Für diese Vorgehensweise und Anzahl von Reitern sprechen verschiedene Dinge:

1. Der königliche Bote und der Bogenschütze reiten ein Stück voraus und klären das Gebiet auf, bevor Jeanne bzw. die Hauptgruppe es erreichen. Diese schützen sich gegenseitig.

2. Der militärische Leiter Jean de Metz, der direkt an der Seite von Jeanne reitet, kann bei eintreten einer unerwarteten oder neuen Situation, sofort Entscheidungen treffen (kurze Reaktionszeit).

3. Die Hauptgruppe um Jeanne kann sie, im Falle eines Direktangriffs, nahezu komplett absichern – zumindest für eine Zeit lang.

4. Die Gebrüder de Honnecourts halten etwas Abstand und sichern den Rücken der Hauptgruppe.

5. Bei einem Direktangriff kann die Vor- bzw. Nachhut den Angreifenden in den Rücken bzw. in eine ihrer Flanken einfallen.

6. Da der königliche Bote aus Chinon erst vor wenigen Tagen das zu durchreisende und feindliche Gebiet durchquerte, sind seine Informationen über die Lage aktuell und schließen einige Überraschungen schon im Vorfeld aus.

7. Die Planung der Reise übernahmen Militärs.

Allerdings lässt sich feststellen, das die Formation 6+1, trotz aller Vorzüge, ein recht hoher Aufwand für eine niedere, unbekannte 17 jährige ist, die aus irgend einem Dorf kommt und behauptet, sie würde Stimmen hören – sicherlich auch im Mittelalter.


// Aufbruch nach Chinon

Das »französische Tor« passierten Jeanne und ihre Mitstreiter gegen »elf des Nachts«. Der Nachbau von ca. 1780 ist allerdings etwas gestutzt – es fehlen ca. 12 m. Zu Zeiten von Jeanne war dieser Turm knapp 18 m hoch und diente seinerzeit als Wachturm.

Es hat sehr stark an diesem kalten Wintertag geregnet und etliche Flüsse sind über die Ufer getreten. Das weiß man des wegen, weil der Herzog von Nancy auf Grund der Fluten sogar auf seinen Fisch verzichten musste.

Sie reiten vorzugsweise nachts und umwickeln die Hufe der Pferde mit »Lumpen« um unbemerkt die feindlichen Gebiete zu durchqueren. Angeblich haben sie sogar an die Pferdeschwänze Gewichte gehängt. Diese sollen die Tiere vom »Wiehern« abhalten. Jeanne und ihre Mannen werden für die gesamte Strecke von ca. 550 Kilometern, knapp 11 Tage benötigen.



24. Februar 1429 St. Urbain

Jeanne erreicht bei Tagesanbruch St. Urbain
Hier werden sie sehr gastfreundlich von dem Abt Arnould d'Aulny begrüßt und aufgenommen. Arnould d'Aulny ist ein Angehöriger von Robert de Baudricourt.

Von hier an verlieren sich die Details zur Reise.



// Zwischen Vaucouleurs und Chinon

Folgende Begebenheiten sind zwischen St. Urbain und St. Catherine de Fierbois vorgefallen.

Bertrand de Poulengy fragte Jeanne »Ob sie gewiss sei, das sie verrichten werde, was sie verheiße« erwiderte sie: »Fürchtet nichts, das alles ist mir geboten, denn meine Brüder aus dem Paradiese sagen mir, was ich tun soll; und diese Brüder und der Herr selbst, sagten mir, das ich in diesen Krieg ziehen muss um das Königreich wieder zusammen zu fügen.«

Es wird berichtet, dass Jeannes Begleiter sie unterwegs »testen« wollten, wie sie sich denn bei einem Angriff verhalten würde. Was im Übrigen nicht unwichtig ist. Sicherlich spielte eine gewisse »Schadenfreude« auch eine Rolle. Vita Sackville-West schreibt von »Späßen schlechten Geschmacks«. Jedenfalls entfernten sich Teile der Eskorte »unbemerkt« und »griffen« dann aus dem Hinterhalt an. Jeanne rief den verbliebenen zu: »Fliehet nicht, bei meinem Gott, sie werden uns kein Übel zufügen.«

Oft sprach sie zu ihren Begleitern: »Könnte es geschehen, so täten wir wohl daran die Messe zu hören.« Allerdings wanden ihre Mitstreiter ein, das es auf feindlichem Gebiet nicht besonders ratsam wäre. Jeanne war aber so hartnäckig, dass sie schließlich doch zweimal die Gelegenheit dazu bekam.

Während sie komplett bekleidet Nachtlager hielten, lag Jeanne in der Mitte zwischen Jean de Metz und Bertrand de Poulengy. Ich vermute, das sie in einer ähnlich ausgetüftelten »Formation« genächtigt haben, wie sie geritten sind: Zu ihrer linken Betrand und an der rechten »Flanke« Jean de Metz. Wo zu dieser Zeit die anderen Teilnehmer der Eskorte lagen, lässt sich im Nachhinein leider nicht mehr feststellen. Natürlich kam sehr schnell die Frage auf, ob nicht irgendwas, nicht näher bestimmbares, evtl. »gelaufen« ist. Dies verneinten alle Beteiligten. So sagte Jean de Metz 1450 im Rehabilitationsprozess: »Jede Nacht auf dieser Reise, lagen Bertrand, ich selbst und die Jungfrau, Seite an Seite. Die Jungfrau lag mir, mit verschlossen Armen, am nächsten. Ich hatte einen so tief empfunden Respekt vor ihr, das ich es niemals gewagt hätte, ihr einen unziemlichen Antrag zu machen. Und ich erkläre unter Eid, dass ich niemals ein übel gesinntes Verlangen oder sinnliche Gedanken ihr gegenüber hatte.«

Bertrand de Poulengy brachte es deutliche auf den Punkt: »Jede Nacht lag Jeanne zwischen uns, ich meine Jean de Metz und mich, der Aussagt ... Ich war jung und trotzdem fühlte ich kein Verlangen oder eine Regung nach Fleisch; und ich hätte es niemals gewagt ihr einen unziemlich Antrag zu machen, bei all der Tugend, die ich in ihr sah.«

Zweimal ist der kleine Trupp sogar die ganze Nacht hindurch geritten. Man bedenke, dass dies mitten im Winter geschah.



27. Februar 1429 Auxerre

Jeanne erreicht Auxerre
Sie besucht eine Messe in der großen Kathedrale Saint Etienne von Auxerre.



MÄRZ 1429

1. März 1429 Gien

Jeanne erreicht Gien

Nicht nur die Feinde galt es zu befürchten. Auch schlecht bezahlte Ritter und Soldaten der königlichen Armee versuchten nach Feierabend mit Raub, Erpressung und Geiselnahmen ihr klägliches Gehalt aufzubessern: Der einzige Zwischenfall ereignete sich auf dem Südufer der Loire, als eine »Handvoll armagnakischer Desperados« Jeanne rauben wollten. Doch der kleine Trupp entging der Falle.



4. März 1429 St. Catherine de Fierbois

Jeanne erreicht St. Catherine de Fierbois und verbleibt dort zwei Tage.

Hier hört Jeanne an einem Tag drei Messen (!) und sie diktiert ihren ersten Brief an den Dauphin, der in der Burg im nah liegenden Chinon residiert bzw. sich zurückgezogen hat. In diesem Brief, wird sie Charles VII. um Erlaubnis bitten, die Stadt Chinon betreten zu dürfen »... denn sie wisse viel Gutes für ihn zu berichten«.

In der Kirche von St. Catherine de Fierbois liegt auch das zukünftige Schwert von Jeanne, welches man später hinter / unter dem Altar versteckt finden wird und ihr in Tours überreicht. Es soll einem gewissen Charles Mattel aus dem 8. Jahrhundert gehört haben. Das Schwert sei so beschaffen, dass der über Jahre angesetzte Rost von ganz allein »abfällt«. Ich bin etwas skeptisch was den Zustand eines 600 Jahre alten Schwertes angeht, dass, wenn auch in einer Kirche, in irgendeiner Ecke verscharrt wurde.



6. März 1429

Jeanne und ihre Eskorte erreichen Chinon. Doch bevor sie mit dem Dauphin Charles VII. sprechen kann, lässt sie dieser noch drei Tage schmoren. Sie findet derweil Unterkunft im Hause von Guillaume Bellier.



// Noch ein kleiner Schwenk zum Thema Jeanne mit kurzen Haaren und in Männerkleidung

Schuldartikel V: »Du hast gesagt, dass Du auf Geheiß Gottes und nach Seinem Willen Mannskleider trugst und fortfährst, sie zu tragen. Und unter dem Vorwand, dass Du auf den Befehl Gottes diese Kleidung trägst, hast Du wieder ein kurzes Wams angelegt und Beinkleider, mit Schnürbändern zusammengehalten; Du trägst darüber hinaus die Haare kurz geschnitten über den Ohren, was nichts mehr an Dir lässt, das zeigt, dass Du weiblichen Geschlechts bist außer dem, was die Natur selbst Dir verliehen hat; und in diesem Anzug hast Du häufig das Sakrament der Eucharistie empfangen. Und obwohl man Dich mehrfach aufgefordert hat, das zu lassen, hast Du nichts dergleichen tun wollen, hast im Gegenteil versichert, dass Du lieber sterben wolltest, als diese Kleidung aufgeben, es sei denn auf das Gebot Gottes hin; und Du hast gesagt, wenn Du weiterhin in dieser Kleidung mit denen Deiner Partei wärst, so wäre das eine große Wohltat für Frankreich. Und Du sagst auch, dass Du um nichts in der Welt einen Eid leisten willst, diese Gewandung und die Waffen nicht mehr zu tragen. Und in allem behauptest Du, gut zu tun und nach dem Willen Gottes. [...]«
Aus: Schirmer-Imhoff, Ruth: Der Prozess Jeanne d'Arc : Akten u. Protokolle. 1431-1456, München: Deutscher Taschenbuchverlag 1961; Seite 82f

Die Bibel zum Thema ‚Frauen in Männerkleidung und kurzen Haaren’:
Deu 22:5: Es soll nicht Mannszeug auf einem Weibe sein, und ein Mann soll nicht das Gewand eines Weibes anziehen; denn wer irgend solches tut, ist ein Greuel für Jahwe, deinen Gott.

1Co 11:5 Jedes Weib aber, das betet oder weissagt mit unbedecktem Haupte, entehrt ihr Haupt; denn es ist ein und dasselbe, wie wenn sie geschoren wäre.

1Co 11:6 Denn wenn sich ein Weib nicht verhüllen will, so lasse sie sich das Haar abschneiden! Nun es aber einem Weibe übel ansteht, sich das Haar abschneiden oder abscheren zu lassen, so soll sie sich verhüllen.

1Co 11:10 Darum muss das Weib ein Zeichen der Gewalt auf dem Haupte haben, um der Engel willen.

1Co 11:15 Wenn aber ein Weib langes Haar hat, es eine Ehre für sie ist? Weil das Haar ihr anstatt eines Schleiers gegeben ist.


Bitte beachten: Dieser Text, auch in Auszügen, darf nur mit mit meiner Zustimmung veröffentlicht werden. Fragen können gern als Kommentar hinterlassen werden oder einfach per Email an mich.

Ende des ersten Teil. Fortsetzung folgt - spätestens zum 577. Jahrestag ihrer Hinrichtung. ;)



// Interne Links

Weitere Informationen zum Thema Jeanne d’Arc in diesem Weblog
- Beitrag ‚Jeanne d’Arc – Mumie, Katze, Reliquie’ vom 11. April 2007.
- Beitrag ‚Jeanne d’Arc – Ein Mythos von schwindender Kraft’ vom 30. Mai 2006.
- Beitrag ‚Rouen 3D: Kommentar und erste Bilder’ vom 12. Mai 2006.


Sehr guter Film in voller Länge zum Prozess von Jeanne d’Arc (kostenlos)
- Beitrag ‚Stummfilm: La Passion de Jeanne d'Arc (1928)’ vom 14. Mai 2006.


Bilder zum Thema Jeanne d’Arc in diesem Weblog
- Beitrag ‚Jeanne d'Arc Wallpaper’ vom 30. Mai 2007
- Beitrag ‚Wappen und ›Fahne‹ Domrémy’ vom 8. Oktober 2006.
- Beitrag ‚Wallpaper – The Messenger’ vom 20. Juni 2006.
- Beitrag ‚Jeanne d’Arc Wallpaper’ vom 1. Juni 2006.


Einige Buchvorstellungen zum Thema Jeanne d’Arc in meinen Weblogs
JOHANNA VON ARC
- Beitrag ‚Alpstein, Ellen - Die Lilien von Frankreich’ vom 22. August 2006.
- Beitrag ‚Henry van Dyke - The broken soldier and the Maid of France’ vom 17. August 2006.
- Beitrag ‚Felicitas Hoppe – Johanna’ vom 3. August 2006.

MEDIASTORE
- Beitrag ‚Görres, Guido - Die Jungfrau von Orléans’ vom 17. Juni 2006

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

interessante gedanken und darstellungen, jeanne hätte sich gefreut. vielen dank letizia

Anonym hat gesagt…

Wahnsinnig interessant!

Gibt es denn auch die Fortsetzung?